Expertenforum Psychologie
Frage: Meine Tochter hat Bulimie. Wie kann ich sie unterstützen?
Liebe Frau Dr.
Unterholzer,
ich habe den
Verdacht, dass meine Tochter (26) an Bulimie leidet. Sie isst den ganzen Tag
(fast) nichts, angeblich kann sie das in ihrem Job auch nicht, und isst dann am
Abend (fast) den gesamten Kühlschrank leer. Danach ist sie längere Zeit im Bad.
Ich habe sie bereits einmal darauf angesprochen, aber sie streitet alles ab.
Meine Tochter hat schon seit längerem ein "eigenwilliges" Essverhalten, früher
habe ich eher auf Magersucht getippt. Sie hat eine Zeitlang immer nur Salat,
Obst und Gemüse gegessen, es durfte auf keinen Fall etwas Fettes sein. Das hat
sich wie beschrieben nun geändert, da sie jetzt alles hineinschlingt. Meine
Frage ist nun, wie ich mich am besten verhalten soll. Ich möchte sie gern
unterstützen, weiß aber nicht wie. Von einer Therapie will sie nichts hören. Ich
glaube, sie gibt nicht einmal vor sich selber zu, dass sie ein Essproblem hat.
Können Sie mir etwas raten?
Danke und lg
A.F.
Antwort: Meine Tochter hat Bulimie. Wie kann ich sie unterstützen?
Liebe Frau A.F.,
"Krankheitseinsicht" ist die
Voraussetzung dafür, dass eine Psychotherapie wirkt. Wenn die nicht vorhanden
ist, ist es sinnlos, Ihre Tochter dazu zu überreden. In Ihrem Verhalten Ihrer
Tochter gegenüber ist zweierlei wichtig: Machen Sie und Ihre Familie kein Tabu
aus Ihrer Vermutung - konfrontieren Sie Ihre Tochter immer wieder in gewissen
Abständen mit Ihrem Verdacht. Sprechen Sie ihn aus, ohne lange darüber zu
diskutieren. Dies zum einen. Zum anderen: Das bulimische Verhalten Ihrer Tochter
ist nur ein Teil ihrer Persönlichkeit. Daneben gibt es noch viele andere, die
gesund sind. Nehmen Sie die an Ihrer Tochter wahr, wertschätzen sie diese
Anteile. Heben Sie hervor, was Ihre Tochter gut macht, das, was ihre Stärken
sind. Achten Sie und Ihre Familie darauf, dass das Klima, in dem sich die
Familienmitglieder begegnen, ein wertschätzendes, respektvolles ist.
Bulimische Mädchen und Frauen
reduzieren ihren Selbstwert auf ihren Körper, auf ihr Aussehen. Vermitteln Sie
Ihrer Tochter, dass sie auch noch andere identitätsstiftende Eigenschaften wie
Intelligenz, soziale Kompetenz, Empathie, technisches Können - oder was auch
immer - besitzt.
Und drücken Sie ihr Informationsmaterial in die Hand, Adressen
von Beratungsstellen, TherapeutInnen, Selbsthilfegruppen. Schenken Sie ihr ein
Buch zum Thema "Bulimie" - empfehlen kann ich Anita Johnstons Buch "Die Frau,
die im Mondlicht aß. Die uralte Weisheit von Märchen und Mythen hilft Frauen,
Ess-Störungen zu überwinden" oder Monika Gerlinghoffs "Essen will gelernt sein.
Ess-Störungen erkennen und behandeln". Wenn sie an Literatur interessiert ist:
Linda Stift hat einen Roman mit einer sich bulimisch verhaltenden Frau
geschrieben: "Stierhunger". Vielleicht greift Ihre Tochter heute noch nicht nach
dem Infomaterial oder nach dem Buch, vielleicht aber in ein paar Wochen.
Literatur ist oft ein erster Schritt in Richtung "Krankheitseinsicht" und damit
in Richtung Veränderung.
Mit besten Grüssen
Carmen Unterholzer