Ein offener und lebensbejahender Erziehungsstil, mehr Lockerheit im Umgang mit
Kindern, die Lust, Mutter und Vater zu sein, trotz aller bekannten Schwierigkeiten, die
heutzutage auf Eltern zukommen: Die schwedische Autorin und Kinderexpertin Helena
Harrysson führt in ihrem Buch Traut Euch, Eltern zu sein vor, wie das gelingt.
Ganz in der Tradition ihrer skandinavischen Mitstreiter Anna Wahlgren und Jesper Juul
beschreibt die sechsfache Mutter, Kindertagesstätten- und Schulleiterin, warum sich
Eltern auf das Familienleben freuen können. Denn es ist eine intensive und lebendige
Zeit, in der Mütter und Väter mit ihren Kindern wachsen werden, wenn sie sich auf das
Wagnis der Elternschaft einlassen.
Sie hat aber auch erlebt, dass Kinder sehr gut mit Problemen umgehen können, wenn
diese empathisch und verantwortungsvoll vermittelt werden. Helena Harrysson findet
dabei die richtigen Worte. Worte, die das Kind ernst nehmen und es neuen Mut schöpfen
lassen.
Nicht immer fühlen sich Eltern ihrer Verantwortung gewachsen. Auch das spricht
Harrysson offen an. Dürfen Mütter und Väter sich eingestehen, dass sie manchmal
einfach keine Lust haben oder etwas nicht können? Dass auch sie sich manchmal klein
und bedürftig fühlen? Sie sollten das Kind in sich anerkennen, meint die Autorin. Mütter
und Väter können daran nur wachsen. Kinder sind eben nicht nur Verantwortung und
Aufgabe, sondern sie helfen Eltern auch dabei, sich selbst weiterzuentwickeln.
Traut Euch, Eltern zu sein! ist ein mit vielen Zeichnungen wunderschön gestaltetes
Lesebuch, das viel Lust auf das Leben mit Kindern macht.
Jede Familie, jedes Kind ist anders. Ein für alle gültiges Erziehungsrezept gibt es also nicht.
Können Sie Eltern trotzdem einen allgemeinen Rat mit auf den Weg geben?
Harryson: Gute Eltern zu sein ist eine wirklich große Herausforderung! Wenn Elternschaft aber als eine Chance begriffen wird und nicht als etwas, das irgendwie durchgestanden werden muss, macht Erziehung Spaß und Eltern können zusammen mit ihren Kindern wachsen.
Wichtig in meinen Augen ist, dass Erwachsene sich immer wieder vor Augen führen, dass ihre
Kinder nicht dazu da sind, um sie als Mutter oder Vater glücklich zu machen oder ihre Wünsche
und Bedürfnisse zu befriedigen.
Erwachsene sollten ihr Bestes geben, dass Kinder sich in jeder Situation geliebt und unterstützt
fühlen, ihr eigenes Leben zu leben. Denn jedes Kind braucht viel Nähe und Kontakt zu seinen
Eltern. Das heißt nicht, dass Eltern das Kind ständig beschäftigen müssen, mit ihm sprechen, ihm
etwas beibringen oder mit ihm spielen müssen. Aufmerksam sollten Eltern den Kindern gegenüber
sein, so dass diese spüren, dass sie wahrgenommen und geliebt werden. Es genügt einfach da zu
sein. Man muss Kindern nicht immer neue Aktivitäten anbieten.
Leicht kann es passieren, dass Familie als ein großer Sorgenkomplex erlebt wird. Was raten Sie
Eltern, damit es gar nicht soweit kommt. Und wie können sie sich daraus befreien?
Harryson: Zum Familienleben gehören Probleme, Ärger und Sorgen. Aber es ist auch voller Glück, Freude und Spaß! Das wechselt sich ständig ab. Manchmal kann helfen, sich selbst und seine Kinder wie in einem Film zu betrachten. In einem guten Film wollen wir lachen, Spannung erleben, vielleicht weinen, uns aufregen, wir wollen uns überraschen lassen oder berührt werden.
Genauso ist es doch mit der Familie. Es ist ein Theaterstück. Eine Geschichte. Eltern können dabei sehr inspirierende Regisseure sein.
Ich gebe den Rat: Unterstützen Sie Ihre Kinder, Ihren Partner und sich selbst so gut es geht. Jeder
Mensch möchte hören: Du bist toll!, Du schaffst das!, Wir lieben Dich!. Es ist wichtig,
nicht zu viel auf Fehlern herumzureiten. Gerade Kinder brauchen das Gefühl, dass wir sehen, dass
sie ihr Bestes geben und wollen dafür bestätigt werden.
Liest man Ihr Buch, gewinnt man den Eindruck, dass es besonders wichtig ist, seinen Kindern und sich selbst gegenüber immer ehrlich zu sein und sich gegenseitig ernst zu nehmen. Dazu gehört auch, Grenzen, die das Leben setzt, beispielsweise Trauer oder Verlust anzuerkennen und den Kindern keine rosarote Traumwelt vorzugaukeln. Überfordern Sie die Kinder damit nicht?
Harryson: Für Kinder liegen Glück und Traurigkeit dicht beieinander. Sie können ihre Gefühle nicht steuern. In dem einen Moment lachen, im nächsten weinen sie.
Wenn Eltern beherzigen, dass Traurigkeit einfach ein Teil des Lebens ist und Glück ein anderer,
müssen sie auch den Kindern nicht sagen: Oh, hör doch bitte das Weinen auf! Das ist so
schrecklich für mich. Was soll ich bloß tun, damit Du nicht mehr weinst?.
Stattdessen können Eltern dem Kind helfen, wenn sie sagen: Es ist in Ordnung, wenn Du weinst.
Ich sehe, dass Du sehr traurig bist, weil Du nicht bekommen hast, was Du wolltest. So ist es
manchmal. Ich bin bei Dir.
Wenn Eltern ihren Kindern das Gefühl geben können, dass sie mal traurig sein dürfen und sie
diese Traurigkeit ein Stück weit anerkennen, ohne sie gleich durch Ablenkung, Geschenke oder
Unmut wettzumachen, dann hat das Kind die Chance, die Traurigkeit aus eigener Kraft zu
überwinden. Eltern sollten ihren Kindern Nähe und Liebe geben nicht nur in glücklichen
Momenten, sondern gerade dann, wenn Kinder traurig oder wütend sind. In jeder Situation.
Elternliebe ist bedingungslos.
Helena Harrysson
Traut euch, Eltern zu sein
Vom Abenteuer, Familie zu leben
erschienen Juli 2010 im Beltz Verlag
UVP: EUR 17,95

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