Interview mit Sophie Marceau

Interview mit Sophie Marceau

Luna Filmverleih

     

über ihren aktuellen Film "LOL"

Sophie Marceau in 'LOL'; Bildquelle: Luna Filmverleih

Sophie Marceau in 'LOL'; Bildquelle: Luna Filmverleih

Luna Filmverleih

In LOL (Laughing Out Loud) spielen Sie die Architektin Anne, die total vereinnahmt von ihrem Familienleben ist. Ist das Ihre größte Baustelle?

Marceau: Absolut. Eine Familie ähnelt einem Haus sehr. Es reicht nicht, nur eine schöne Vorstellung davon zu haben. Man muss sich komplett investieren. Man muss darauf aufpassen, dass die Grundsteine standhaft bleiben, dass die Arbeit gemacht wird, dass die Reparaturen erledigt werden...

Es ist eine Aufgabe, die eine dauerhafte Präsenz und schwere Arbeit erfordert. Man sieht Anne praktisch nie an ihrem Schreibtisch oder bei der Arbeit. Lisa Azuelos wollte sie uns lieber bei ihren Basisaufgaben des alltäglichen Lebens zeigen.

Dieser Film erzählt eine Mutter-Tochter-Geschichte in einer sehr schwierigen Phase ihrer Beziehung: die, in der der kleine Vogel das Bedürfnis hat, sich zu befreien und die Nabelschnur zu durchtrennen. Das ist natürlich schwierig und beängstigend... und sehr bewegend!

Anne und Lola führen eine sehr symbiotische Beziehung. Ist es wichtig, die Mutter-Tochter Beziehung so zu führen?

Marceau: Ja. Sie sind sich wirklich sehr nah. In den letzten Jahrzehnten sind Kinder in der emotionalen Frustration und dem Mangel an Liebe aufgewachsen. Noch vor 50 Jahren war es normal, die Kinder schon mit fünf oder sechs Jahren auf ein Internat zu schicken. Sie kamen nur an Weihnachten nach Hause oder während der Sommerferien. 

Ich wünsche mir, dass meine Tochter Lust hat, wenn sie 16 oder 17 ist, so wie Lola mit Anne, mich in die Arme zu nehmen. Und dass ich sie in den Arm nehmen kann, und wir keine Skrupel haben, uns zu berühren. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich ungeliebt zu fühlen. Unser Ego stellt sich dann in den Weg, dann kommt der Durst nach Rache, das Unwohlsein, und ein unendlicher Drang diesen Mangel auszufüllen...

Aber besteht nicht das Risiko, sie nicht gehen lassen zu wollen, wenn man sich so nahe ist?

Marceau: Aber Anne hat dieses Problem nicht. Mit Lola verhält sie sich wachsam und liebevoll. Das ist ja auch ihre Aufgabe. Sie kennt die momentanen Gefahren. Sie hat Angst. Sie weiß, dass ihre Tochter bald die ersten sexuellen Erfahrungen machen wird. Sie will, dass es gut läuft. Sie stellt sich vor, dass die Jungfräulichkeit etwas Heiliges ist, etwas Empfindliches, dass sie ihre Zukunft bestimmt... Wie alle Eltern auf dieser Welt hat sie Angst.

Schon alleine weil Lola in das Alter der ersten sexuellen Erfahrungen gelangt, macht sich ihre Mutter Sorgen wegen der sexuellen Revolution. Hat sie den Feminismus auf Halbmast gesetzt?

Marceau: Ich glaube nicht. Trotz ihrer Zweifel möchte Anne immer die Gleichberechtigung der Geschlechter. Das ist eine Frage des Prinzips: Wenn die Männer Sex haben dürfen, dann dürfen die Frauen nicht dafür bestraft werden, wenn sie dasselbe machen. 

Aber konfrontiert mit dem zarten Alter von Lola, bemerkt sie auf einmal schmerzhaft die Grenzen dieser Überzeugung. Das Leben lässt sich eben nie in eine Kiste stecken. Weil wir noch von der Idee ausgehen, dass eine Frau sich bindet. Es ist die alte Rede: Wir müssen lieben, um Liebe zu machen - die Jungs sind da viel mechanischer. Vielleicht stimmt das ja. 

Aber warum nicht das Gegenteil? Als ob ihnen ein Zacken aus der Krone brechen würde, wenn sie es nicht mehr nötig haben, den Macho zu spielen! Die ganze Zeit verführen zu müssen und es nicht zu schaffen, das führt doch automatisch zu Komplexen...

Also – emotional ungebunden sein oder Love Story?

Marceau: Love Story, weil sich von einer Generation zur nächsten eben doch nichts ändert. Es ist ja schön und gut, alles ausprobiert zu haben, alles erlaubt zu haben, alles relativiert zu haben... Ein Junge wird immer Lust haben, ein Mädchen zu lieben, und ein Mädchen wird immer Lust haben, einen Jungen zu lieben.

Lisas Film ist ein Film, in dem es um Liebe geht. Als ich das Drehbuch gelesen habe, fand ich Lola und Maël wirklich süß...

Und schwierig beieinander zu halten?

Marceau: Das Problem ist, dass sie keine Chance mehr haben, sich zu verstecken. Früher hat es gereicht, die Eingangstür und das Festnetz-Telefon zu überprüfen... Das geht heutzutage nicht mehr so einfach und macht sie gelassener, als wir damals waren. Ich hatte mit 13 wirklich unannehmbare Freunde. Ich war eine Rebellin, im Kampf gegen die Autorität. Unsere Eltern haben uns nicht unseren Platz gegeben, wir mussten ihn uns mit Gewalt nehmen.
 
Unsere Kinder wiederum existieren wirklich: sie drücken sich aus und wir hören ihnen zu. In Wirklichkeit saugen sie die Wirklichkeit auf. Sie haben zu oft gesehen, wie wir uns anschreien, uns zerreißen, uns trennen... Ihre Reaktion darauf ist der Traum von Stabilität.

Und trotzdem sagt Lola während eines Streits, dass es ihr egal ist, ob sie eine Familie hat oder nicht...

Marceau: Von der Kleinen aus gesehen, lautet die Botschaft an ihre Eltern in dem Moment: „Hört auf, mich auf
den Arm zu nehmen und so zu tun, als ob ihr eine Familie wärt. Ihr seid keine mehr. Hört auf mit dem Getue!“. Aber heißt das wirklich, dass sie im tiefsten Inneren keine Lust mehr hat, eine Familie zu haben?

Nicht unbedingt. Ich glaube, dass es schwer ist für die Kinder mit lauter Stiefvätern, Stiefmüttern,
Halbschwestern und Halbbrüdern... Vielleicht finden sie das ja ganz nett, wenn sie aufwachsen: Sie sind daran gewöhnt, sie haben schon getrauert. Aber wenn sie noch klein sind, ziehen sie die 100%igen Geschwister wirklich vor. Ich bin durch zwei Trennungen gegangen, ich habe einen Sohn und eine Tochter von zwei verschiedenen Vätern. Ich weiß, wovon ich rede.

Und wie macht man das wieder gut?

Marceau: Man kauft ihnen Süßigkeiten...

Als Sie diese Rolle gespielt haben, welchen Teil von Ihnen als Mutter haben Sie am meisten mitspielen lassen?

Marceau: Wir müssen die Kinder sich ausdrücken lassen, ihnen erlauben, Meinungen zu formulieren. Das ist ein moralischer Pakt: „Solange du keinen Unsinn baust, vertraue ich dir und lass dich machen, was du willst!“. Männer sind da autoritärer. Ein sehr guter Freund hat mir mal erklärt – er musste es mir lange erkären -, dass die Rolle des Vaters die des Übermächtigen sei. Die Harmonie scheint mir aber effektiver.

Um das Gleichgewicht im Dialog zu finden, muss man nur ein bisschen ruhiger sprechen und denanderen schreien lassen. Es ist auch manchmal einfach nötig, dass das Herz sich überschlägt und die Leidenschaft explodiert. Ein richtiger Streit ist erleichternd.

So wie der brutale Streit zwischen Anne und Lola eines Abends am Schulanfang?

Marceau: Genau. Dem anderen zuzuhören, heißt nicht, dass man sich ihm beugt. Indem Sie das Tagebuch ihrer Tochter liest, erfährt Anne Sachen, von denen Lola ihr nicht erzählt hat. Selbst wenn sie weiß, dass jeder seine geheime Schublade hat, ist es ein Riesenschock für sie. Sie fühlt sich hintergangen und ausgeschlossen.

Und, sobald es sich um ihre Kinder handelt, fühlt sie sich schuldig...

Marceau: Genau. Wir sind alle so. Je mehr wir über die Erziehung wissen, desto mehr sind uns unsere Fehler bewusst. War ich zu cool, zu streng, zu nah, zu distanziert...? Da wir eine so essenzielle Rolle im Leben unserer Kinder haben, denken wir, dass es unser Fehler sei, sobald sie Unsinn bauen. Dem entkommt man nicht.

Gibt es keine Bedienungsanleitung für Mutter-Tochter?

Marceau: Nein. Kinder sind nicht theoretisch. Anne ist eine Mutter wie viele andere: Sie ist pragmatisch, sie lebt im Hier und Jetzt, sie lernt von Tag zu Tag. Aber was Probleme und Schwierigkeiten angeht, hat sie keinen Zauberstag parat. 

Dabei schlägt sie sich doch ganz gut...

Marceau: Ja. Wir bleiben davon überzeugt, dass der Konflikt der Generationen nötig ist. Man bräuchte dementsprechend eine letzte Abrechnung, damit das Kind das Nest verlassen und erwachsen werden kann. Es ist Zeit, diesen Antagonismus und das negative Prinzip in Frage zu stellen. Warum trumpfen wir nicht endlich mit der Karte der Harmonie und dem Dialog?

Haben Sie sich denn gut gefühlt als Mutter mit einer Tochter, die mitten in der Pubertät ist?

Marceau: Ja. Um ehrlich zu sein, ist es fast gemütlicher, als die Rebellin zu spielen. Mit 13 oder 16 leidet man. Die Erwachsenen sind da schon drüber hinweg. LOL (Laughing Out Loud) ist ein sehr authentischer Film: Wenn ich nach Hause gekommen bin nach den Dreharbeiten, hatte ich nie das Gefühl, aus meiner Rolle raus zu müssen.

Und wenn das Geheimnis letztendlich wäre, lol zu bleiben?

Marceau: Es gibt einige, die denken, dass lol „lots of love“ heißt. Aber eigentlich heißt es „laughing out loud“... In beiden Fällen ist es mir Recht...Das Leben mit viel Liebe leben - und sich totlachen.